Dein Erdbeerjoghurt und das Klima

9000 Kilometer1, soviel legen die verschiedenen Einzelteile von Aluminium, über Bakterienkulturen bis Erdbeeren deines Lieblingsjoghurts zurück, bevor es auf deinem Tisch landet, um in weniger als 5 Minuten verputzt zu werden. Auch wenn du andere Geschmacksrichtungen bevorzugst, die Auswirkungen bleiben und sind Ausdruck einer globalisierten und klimaschädlichen Handelswelt.

Angesichts der Klimakrise braucht es ganzheitliche und auch radikale Ansätze. Der Klimastreik von Zehntausenden SchülerInnen ist eine Möglichkeit, Forderungen in die Politik zu tragen. Der Ernährungsrat ist eine konkrete Lösung, das ganze Ernährungssystem vom Feld auf den Teller nachhaltig, regional und möglichst klimaschonend auszurichten.

Der Transportweg ist nur ein Puzzleteil einer ganzen globalisierten Kette. Die Produktion ist genauso klimaschädlich, wobei Gemüse besser, Fleisch- und Milchprodukte massiv schlechter abschneiden. In der Gesamtheit betrachtet, entfällt knapp ein Drittel der durch den privaten Konsum verursachten Umweltbelastungen in der Schweiz auf die Bereitstellung, Verteilung und Zubereitung von Nahrungsmittel (Bundesamt für Umwelt, 2011). Damit gehört die Ernährung vor dem Wohnen und der Mobilität zu den ökologisch relevantesten Konsumbereichen. Die Landwirtschaft trägt dabei eine hohe Verantwortung bezüglich Ressourcenverbrauch, Degradierung von Boden und Wasser, Zerstörung der Biodiversität, Pestizid- und Düngereinsatz sowie Methan-, Lachgas – und Ammoniakemissionen.

Was macht eine Stadt gross?

Die Stadt Biel steht vor vielfältigen Herausforderungen. Der geplante Westast spaltet sie. Das Wachstum treibt die Anonymisierung voran. Immer mehr Läden in der Innenstadt stehen leer. Die Stadt Biel bietet aber bereits auch viel: Offenheit, Kultur, Sport, Bildungs-, Wissenschafts- und Entwicklungsmöglichkeiten, gute Infrastruktur- und Grundversorgung. Die Chancen der «New Urban Needs» wie: Vertrauen in die Lebensmittelversorgung, ökologische Erwartungen, gesundheitliche Aspekte und Fairness können und sollen nun in eine kommunale Ernährungspolitik fliessen. Philipp Stierand, Vordenker und Blogger zu Ernährungsräten1 fordert deshalb «In den verschiedenen Politik- und Verwaltungsbereichen muss Ernährung auf die Agenda gesetzt und gehalten werden.» Er verlangt eine Koordination, Vernetzung und ein Knotenpunkt für die strategische Entwicklung in den Gemeinden: Den Ernährungsrat. Damit verschwindet ein blinder Fleck in der städtischen Politik und setzt ein immenses Potential frei, das sowohl Aspekte wie Verkehr, Stadtplanung, wirtschaftliche, soziale, gesundheitliche und ökologische Belange integriert. Die Ziele fasst Stierand wie folgt zusammen:

  • Lebensqualität der Bürger sichern und erhöhen
  • Qualität städtischer Räume verbessern
  • wirtschaftliche Entwicklung der Stadt fördern
  • Die Umweltauswirkungen städtischer Lebensweisen minimieren

So sieht das aus!

Was wissen wir über das regionale Ernährungssystem, ausser gerade den Weg zum nächsten Grossverteiler? Eine Bestandesaufnahme des gegenwärtigen Ernährungsystems ist Ausgangslage einer kleinen Entdeckungsreise. Das wird uns die nächsten Monate intensiv beschäftigen. Erkennen und verstehen wir erst die Produktions- und Handelswege, können wir ansetzen, diese nachhaltig und regional zu verändern. Was fehlt? Was kann überhaupt lokal produziert werden? Welches Potenzial an Arbeitsplätzen und Wertschöpfung könnte entstehen, wenn wir z.B. 10% mehr regionale Produkte herstellten, verteilten und konsumierten? Dabei orientieren wir uns an nebenstehender Charta (siehe Seite X), die aber erst durch die Beteiligung der verschiedenen AkteurInnen aus Produktion, Verarbeitung, Gastronomie und Distribution zur «Vollendung» gelangt.

Lokal, regional, global: Kultur, Vielfalt und Genuss

Ernährungsstrategien sind das Mittel, um Stärken und Schwächen des Ernährungssystems herauszuarbeiten und Handlungsmöglichkeiten aufzuzeigen. Biel ist damit die erste Stadt in der Schweiz, die sich konkret an die Ausarbeitung und Umsetzung einer solchen Ernährungsstrategie macht. Eine Herausforderung für alle Sinne! Die regionale Wirtschaftskonferenz vom 17. Mai 2019 wird das erste grosse Zusammentreffen der verschiedenen AkteurInnen – ansonsten bieten unsere Sitzungen (siehe Kalender) die Möglichkeit zur Mitarbeit.

1 Der Weg eines Erdbeerjoghurts: Erfassung und Bewertung von Transportvorgängen – Die produktbezogene Transportkettenanalyse (Dr. Stefanie Böge, 1992)

2 Philipp Stierand auf speiseraeume.de – Kommunale Ernährungspolitik