Ein Ernährungsrat für Biel

Wie wollen wir uns Heute und erst recht in der Zukunft ernähren? Ernährungsstrategien sind das Instrument um Ernährungspolitik auf städtischer Ebene zu verankern und nachhaltig vom Acker bis auf den Teller auszugestalten.

Künftig werden die Städte noch stärker durch Umweltverschmutzung, Ressourcenverbrauch und Klimawandel herausgefordert sein. Steigende Gesundheitskosten durch Fehlernährung und Übergewicht, Armut und Individualisierung können über die städtische Ernährungspolitik gemindert werden. Und durch die Demokratisierung der Ernährungssysteme entsteht ein neuer sozialer Kitt: Urbane Landwirtschaft, Vertragslandwirtschaften, Foodcoop’s, eine Vielfalt an kreativen verarbeitenden Betrieben, partizipativen Bauern-Läden, regionalen Märkten, sprich ein Wandel der Bieler Esskultur. Das ist das Filetstück für eine neue städtische Ernährungspolitik!

Mächtige Städte

Die Vielfalt im Supermarkt ist nicht Spiegelbild einer vielfältigen, regionalen und nachhaltigen Landwirtschaft sondern einer globalisierten auf wenige global agierende Konzerne reduzierten Agrar- und Lebensmittelindustrie. Die Rohstoffe sind Dumpingware, meist ohne geringste soziale und ökologische Standards. Die industrialisierte Landwirtschaft verwandelt die Erde in eine Wüste.

Die Städte haben ein wichtiges Mittel in der Hand, dies zu ändern. Rund 280 Millionen Mahlzeiten werden nämlich gemäss Greenpeace jährlich in Schulen, Spitälern oder Heimen in der Schweiz serviert. Ein wesentlicher Teil davon liegt in städtischer Verantwortung oder wird von den Städten in Auftrag gegeben, so Greenpeace in ihrer Untersuchung «Essen nicht vergessen!» Biel landet darin auf dem zweitletzten Rang unter den zehn grössten Städten der Schweiz. Aber selbst bei Vorreiter Bern sieht die Umweltorganisation noch Handlungsbedarf. Es sind die Fleisch- und Milchprodukte, die den Löwenanteil der Umweltbelastung ausmachen, und die gilt es zu reduzieren, will das Klima geschützt werden. Gleichzeitig fordert Greenpeace, wie sie in ihrer Erklärung schreiben: «strenge Ernährungsrichtlinien, die Nachhaltigkeit, Gesundheit und Genuss unter einen Hut bringen.»

Biel hat bereits mit der Annahme der «Initiative für gesunde Ernährung» den Weg geebnet, die schulischen Tagesstrukturen und Altenheime möglichst regional und biologisch zu versorgen. Die Initiative gilt es nun zügig umzusetzen. Den zweiten Schritt möchten wir mit der Gründung eines Ernährungsrates tun.

Bausteine der Ernährungsstrategien

Städte gründen Food Councils, zu Deutsch Ernährungsräte. Dort treffen sich die verschiedenen Akteure aus Wirtschaft, Zivilgesellschaft und Administration.

Sie erarbeiten Chartas, in denen sie ihre Ziele für eine nachhaltige Ernährungspolitik festhalten. Die Räte erarbeiten eine Bestandesaufnahme, formulieren eine gemeinsame Vision und setzen Massnahmen in Gang. Das ist zukunftsweisend und wird die Städte bleibend verändern. In Europa noch eine Ausnahmeerscheinung, haben rund 400 Kommunen in den USA und Kanada teils schon vor Jahrzehnten damit angefangen. In Grossbritannien zählt das 2013 gegründete Netzwerk «Sustainable Food Cities» bereits über 50 Mitglieder.

In Biel fanden im kleinen Rahmen mittlerweile zwei Treffen statt. In der ersten Sitzung wurde das Konzept vorgestellt und man diskutierte Bedürfnisse und mögliche Ziele. Beim zweiten Treffen standen Fragen der Struktur, der Finanzierung und des Budgets im Zentrum. Der Ernährungsrat soll Plattform und Netzwerk sein, Informations- und Bildungsstelle, Anlauf- und Visionspunkt für eine resiliente Ernährungspolitik in und über die Stadt Biel hinaus. Der Ernährungsrat Biel soll mit einer breiten TrägerInnenschaft abgestützt sein: Von der Stadt über das Gewerbe, die Zivilgesellschaft und Politik bis hin zur urbanen Landwirtschaft und den Bäuerinnen und Bauern aus der Region. Damit die Stadt Biel in Sachen Ernährungsstrategien eine Vorreiterrolle einnimmt.

Mathias Stalder